Mentoring in der Weiterbildung: „Eine super Chance“

Die Weiterbildungszeit kann für junge ÄrztInnen erst einmal eine Herausforderung sein: Was ist der Unterschied zwischen der neuen und alten Weiterbildungsordnung? In welche Fachbereiche sollte ich gehen, wie organisiere ich den Wechsel zwischen den Abteilungen? Damit ÄrztInnen in Weiterbildung (ÄiW) mit ihren  Problemen nicht im Regen stehen, hat das Kompetenzzentrum Weiterbildung Bayern (KWAB) das Mentoringprogramm entwickelt. 

Gefunden haben sich hier Joachim Lentzkow, Facharzt für Allgemeinmedizin aus Goldbach, und Martin Seidenschwang, Weiterbildungsassistent in München. Im Interview erzählen die beiden, wie sie durch das Mentoringprogramm profitieren konnten, warum die Lehre so wichtig ist und, dass sich die Allgemeinmedizin vor anderen Fachbereichen nicht verstecken muss.

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Joachim Lentzkow (links) mit seinem Mentee Martin Seidenschwang (Foto: BHÄV)

Warum haben Sie sich für das Mentoringprogramm entschieden?

Martin Seidenschwang: „Das erste Mal von dem Mentoringprogramm habe ich bei den Seminartagen Weiterbildung Allgemeinmedizin (SemiWam) gehört. In meinem Weiterbildungsabschnitt in der Inneren Medizin in der Klinik hat mir der Bezug zur Allgemeinmedizin gefehlt und ich hatte das Bedürfnis, jemanden zu haben, der vor Ort ist und weiß, wie der Hase läuft.“

Joachim Lentzkow: „Zunächst einmal glaube ich, dass ich den besten Job der Welt habe. Aus Liebe zu meiner Familie habe ich damals von der Anästhesie in die Allgeneimedizin gewechselt. Mittlerweile bin ich seit 15 Jahren Allgemeinarzt und habe schon viel erlebt. Vor drei Jahren habe ich mich ein bisschen neu orientiert und mir gesagt, dass ich ein neues Feld aufmachen will: Und das ist ganz klar die Lehre. Dann kam das Angebot vom Kompetenzzentrum Weiterbildung für den Grundkurs zum Mentoringprogramm.“

Herr Seidenschwang auch Sie haben sich erst einmal für die Anästhesie entschieden, bevor Sie in der Allgemeinmedizin gelandet sind. War das der Grund, warum Sie sich für Joachim Lentzkow als Mentor entschieden haben?

Medizinstudentin Lisa Kremser
Martin Seidenschwang
 

Martin Seidenschwang: „Unter anderem. Man schaut natürlich, was man mit dem Mentor gemeinsam hat. Ein bisschen ist es wie bei einem Online-Dating Portal. Bei der Suche nach einem Mentor kann man nach Ortschaft, Praxisform, Zusatzweiterbildungen und Hobbys filtern. Auf dem Profil von Joachim habe ich gesehen, dass er gerne in die Berge geht, als Höhenmediziner und Notfallmediziner arbeitet. Das hat sich interessant angehört, da sehe ich mich auch drin. ‚Den schreibe ich an und schau was passiert‘, habe ich mir gedacht."

…Und was ist passiert?

Martin Seidenschwang: „Es passte wie die Faust aufs Auge. Joachim ist ein noch netterer Typ als gedacht.“

Joachim Lentzkow: „Ich finde es total schön, dass wir uns gefunden haben. Wobei ich als Mentor das Angeben meiner Postleitzahl im Matching-Portal für überflüssig halte. Die Entfernung ist völlig irrelevant, wie unser Beispiel zeigt. Letzten Endes war es auch ein völliger Zufall, dass ich Martins Anfrage gelesen habe. Wenn man von einem Mentee ausgewählt wurde bekommt man keine zusätzliche Benachrichtigung per E-Mail. Das wäre vielleicht noch ein Verbesserungsvorschlag.“

Von Goldbach nach München ist es dann doch ein kleines Stück. Auf welchem Weg wird kommuniziert?

Martin Seidenschwang: „Anfangs haben wir telefoniert und über E-Mail kommuniziert, aber am meisten habe ich über die persönlichen Treffen mitgenommen. Dann hat man gemeinsam einen Kaffee getrunken und gequatscht. Das hat am meisten gefruchtet.“

Joachim Lentzkow: „Wenn ich terminlich in München unterwegs war konnte man das gut mit einem Treffen verbinden.“

Über was spricht man mit seinem Mentor?

Martin Seidenschwang: „Joachim hat wirklich ein Ohr für alles. Nicht nur für medizinische Themen, sondern auch für meine Zukunftspläne. Ich konnte meine Karriereschritte mit ihm besprechen, da war er oft eine große Entscheidungshilfe. Die Weiterbildung kann erst einmal unüberschaubar sein. In der Anästhesie zum Beispiel läuft alles sehr strukturiert ab. In der Weiterbildung Allgemeinmedizin passiert es oft, dass man sich zur Prüfung anmeldet und merkt: Ich brauche noch 200 Schilddrüsen-Sonos und 80 Abdomen-Sonos. Viele werden dann abgeschreckt durch die Zahlen und kommen ins Grübeln. Der Mentor kann bei solchen Problemen helfen.“

Viele ÄIW geben an aktuell keinen MentorIn zu brauchen, da Sie einen hervorragenden WeiterbilderIn haben. Was ist das "Plus" am Mentoring?

Medizinstudentin Lisa Kremser
"Der Mentor ist die unabhängige dritte Komponente" 
 

Joachim Lentzkow: „Es ist doch cool sich eine zweite Meinung einzuholen. Ein Chef verfolgt auch immer eigene Interessen, was natürlich legitim ist. Aber generell ist es doch so: Jeder von uns Mentoren hat etwas anderes erlebt und kann nochmal bereichernd sein. Ich glaube das ist ein bisschen so wie mit Eltern. Viele Sachen habe ich meine Eltern früher nicht gefragt, meinen Onkel aber schon. Es schaut jemand aus der Distanz darauf und erklärt zum Beispiel auch, dass es gut ist was der Chef gerade macht – das kann ja auch sein.“

Martin Seidenschwang: „Der Mentor ist wie die unabhängige dritte Komponente. Vorher habe ich mich an eine andere Weiterbildungsassistentin gewandt. Gerade wenn es um rechtliche Dinge ging oder um Bürokratiesachen, war so zu sagen meine Kollegin meine Mentorin, obwohl sie selbst noch in Weiterbildung war. Für mich war der Weiterbilder dafür nicht der richtige Ansprechpartner.“

Joachim Lentzkow: „Praktisch endet das Mentoringprogramm mit dem Abschluss der Facharztprüfung, aber das muss es nicht. Wenn Martin zum Beispiel noch Fragen hat oder wenn es um die Niederlassung geht, kann er mich jederzeit kontaktieren. Mich gibt es ja immer noch. Es ist ein Angebot an die Mentees eine langfristige fachliche Begleitung zu haben“.

Wie profitierten Mentor und Mentee?

Martin Seidenschwang: „Es ist beruhigend, wenn man weiß, dass man sich mit jemandem erfahrenem austauschen kann. Jemand, von dem man neue Anregungen und Ideen bekommt. So etwa wie ‚sieh es doch mal von der Seite‘, oder ‚konzertiere dich vielleicht erst einmal auf das‘. Der Mentor kann einem auch viel anhand der eigenen Praxisstrukturen erklären."

Joachim Lentzkow: „Sich als Mentor zu engagieren ist ein großer Vorteil, wenn es um die Nachfolge geht. Ich bin jetzt 54 und irgendwann möchte ich aufhören. Ich habe jetzt bestimmt noch gute 13 Jahre als Hausarzt, aber ich möchte nicht irgendwann hektisch anfangen jemanden zu suchen, der meine Praxis übernimmt. Die Nachfolge löst sich nicht von allein. Leider gibt es noch zu wenige Hausärzte, die Lust darauf haben, das was sie erleben auch jungen Leuten zu erzählen und ihnen zu sagen: „Das ist gut, was wir tun“. Es ist auch wichtig, dass man sich immer hinterfragt. Im Mentoring lernt man das. Man bleibt nicht stehen. Und das ist wichtig, sonst schmort man immer im selben Saft.“

Warum glauben Sie gibt es noch zu wenige KollegInnen, die sich in der Lehre engagieren?

Medizinstudentin Lisa Kremser
Joachim Lentzkow  
 

Joachim Lentzkow: „Ich glaube uns Hausärzten fehlt das Selbstbewusstsein. Man hat erst einmal nur seine Hände und das Stethoskop. Aber es geht um viel mehr. Es ist so viel spannender und abwechslungsreicher. Wir müssen das Selbstbewusstsein bekommen zu sagen: ‚Ja, mein Job ist gut', richtig gut sogar‘ und vor allem: ‚Er ist wichtig‘. Ich kann machen auf was ich Lust habe. In meinem Fall ist das die Palliativmedizin." 

Martin Seidenschwang: „Genau, die müssen sich nicht verstecken. In der Allgemeinmedizin fährt man nicht so Schmalspur, wie in anderen Fachbereichen. Du bist dein eigner Chef und nicht auf so viele Faktoren angewiesen. Man hat mehr Freiheiten und kann mit der sprechenden Medizin schon sehr viel klären. Im Krankenhaus hast du kaum Zeit für den Patienten. Du siehst ihn kurz, dann vielleicht nochmal bei der OP und das wars. Dort herrschen hierarchische und festgefahrene Strukturen. Vielleicht passt dem Chefarzt deine Nase nicht und dann bist du eben nicht im OP eingeteilt. Auch die Arbeitsbedingungen sind in der Klinik für mich nicht mit einem normalen Leben vereinbar.“

Wie kann man das Mentoringprogramm den KollegInnen näherbringen?

Joachim Lentzkow: „Wir brauchen mehr Vorbilder. Man muss ihnen das Lehren und Mentoring vorleben, ihnen davon erzählen. In meinem Qualitätszirkel sind 32 Ärzte. Nur 16 davon bilden weiter. Und von den 16 haben nur 9 ihre Weiterbildungsbefugnis nach der neuen Weiterbildungsordnung. Da muss man erklären, dass es nicht viel Aufwand ist, Hilfestellung leisten und immer wieder ansprechen. Das Mentoring ist eine super Chance. Die Mentees haben sich ja schon entschieden, Allgemeinmediziner zu werden, da renne ich offene Türen ein.“

Sie sind Ärztin/Arzt in Weiterbildung und möchten einen Mentor finden?

Dann melden Sie sich hier auf dem Matching-Portal an. http://kwab.info/mentoring/

Sie sind fachärztliche KollegIn und würden gerne MentorIn werden?

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