„Ohne die BHÄV-Förderprogramme könnten wir diese Nachwuchsarbeit nicht stemmen“
Im Interview berichtet Prof. Dr. med. Bettina Engel über den Stand der Dinge beim Aufbau des neuen Lehrstuhls für Allgemeinmedizin am Medizincampus Oberfranken in Bayreuth, wie der Klebeeffekt wirkt und welche Rolle die Stiftung Bayerischer Hausärzteverband dabei spielt.
Der Tag der Allgemeinmedizin 2024 in Würzburg war der letzte seiner Art. In diesem Jahr wird die Reihe als gemeinsame Veranstaltung der nordbayerischen Lehrstühle für Allgemeinmedizin in Erlangen fortgesetzt. Mit weniger Ballast, aber dafür erstmals mit einem dritten Gastgeber: dem Lehrstuhl für Allgemeinmedizin am Medizincampus Oberfranken in Bayreuth, der derzeit unter Federführung von Prof. Dr. med. Bettina Engel in Bayreuth im Aufbau ist. Im Interview berichtet sie über den Stand der Dinge in Bayreuth, wie der Klebeeffekt wirkt und welche Rolle die Stiftung Bayerischer Hausärzteverband dabei spielt. Auch verrät sie, warum es sich für Praxisteams lohnt, am 22. Februar in Erlangen dabei zu sein.
In Bayreuth ist gerade ein dritter Lehrstuhl im Aufbau, den Sie seit Oktober vertretungsweise halten. Wie ist denn der Stand der Dinge?
Prof. Engel: Team, Struktur, Mobiliar - wir sind noch mitten im Aufbau, denn wir müssen ja alles neu einrichten. Aber es läuft ganz gut. Das Team wächst. Inzwischen haben wir zwei Angestellte, zwei weitere fangen im Februar an. Die Lehre läuft weiterhin in enger Zusammenarbeit mit Erlangen. Die Studierenden kommen für den klinischen Abschnitt nach Bayreuth. Wir haben in jedem Semester ca. 60 Studierende.
Was ist die Idee hinter dem standortübergreifenden Medizincampus Oberfranken?
Prof. Engel: Ziel ist, dem Ärztemangel entgegenzuwirken, die ärztliche Versorgung vor Ort sicherzustellen und die gesamte Region zu stärken. Insofern geht es mit dem dritten Standort jetzt auch darum, dass die Studierenden nach Bayreuth ziehen und bleiben.
Kommen sie denn gern nach Bayreuth - wie wird das Angebot angenommen?
Prof. Engel: Anfangs war es so, dass eine gewisse Skepsis seitens der Studierenden herrschte. Es war ja Pionierarbeit mit neuen Konzepten und es ist naturgemäß auch nicht alles rund gelaufen. Inzwischen ist der Vollausbau erreicht und die Studierenden kommen gern zu uns. Es gibt sogar einige, die von einer anderen Universität zu uns wechseln wollen, weil sie von den guten Studienbedingungen hier gehört haben. Wir sind gut ausgestattet. Zum Beispiel haben wir mit dem großen Skills Lab eine besondere Lernumgebung eingerichtet, in der sie in kleinen Gruppen in kontrollierter und sicherer Umgebung Gesprächs- und Untersuchungstechniken sowie therapeutische Interventionen üben können. Dadurch, dass maximal acht Studierende in einer Gruppe sind, wird eine intensive Lernerfahrung für alle möglich.
Was denken Sie - wirkt der „Klebeeffekt“?
Prof. Engel: Schwer zu sagen. Unsere Studierenden sind ja noch nicht so weit. Der Standort ist toll und somit besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Klebeeffekt eintritt und sich einige hier niederlassen. In welchem Ausmaß das sein wird, kann man jetzt noch nicht sagen. Man kann aber sagen, dass von unserer ersten PJ-Kohorte über die Hälfte sagen, dass sie sich eine hausärztliche Tätigkeit vorstellen können. Wo sie sich dann niederlassen, werden wir dann sehen. Aber es sieht schon mal gut aus.
Welche Rolle spielen die Förderprogramme der Stiftung Bayerischer Hausärzteverband?
Prof. Engel: Eine ganz elementare: Ganz wichtig ist die finanzielle Unterstützung durch die Stipendien, die es Studierenden ermöglicht, während der Praktika eine zusätzliche Unterkunft zu bezahlen. Ohne Förderprogramme wie dieses könnten wir diese Nachwuchsarbeit nicht stemmen.
Und: Unser Ausbildungsort in der Allgemeinmedizin ist ja nicht nur die Universität, sondern sie findet vor allem auch in den Praxen statt. Insofern ist es wichtig, dass der Bayerische Hausärzteverband Praxiskontakte vermittelt und sich auch an den BeLA-SummerSchools beteiligt.
Last but not least: Sie haben den Lehrstuhl im Oktober 2024 ja vertretungsweise übernommen - Wie geht es weiter?
Prof. Engel: Die Professur wird im Laufe des Jahres ausgeschrieben – Dann gilt: Möge der Bessere gewinnen. Ich hätte natürlich Lust hier weiterzuarbeiten. Es macht einfach Spaß, den Aufbau mit dem eigenen Team zu gestalten.
Um den Bogen zum 1. gemeinsamen Tag der Allgemeinmedizin Bayern Nord am 22. Februar 2025 zu schließen, an dem ihr Lehrstuhl zum ersten Mal offiziell mit vertreten ist – warum sollte man hin gehen?
Prof. Engel: Es gibt viele gute Gründe. Zum Beispiel, weil er eine gute Gelegenheit zum Netzwerken bietet. Auch gibt es Angebote für das ganze Praxisteam. Sehr empfehlenswert ist auch das Studienupdate – da bekommt man in Vorträgen die Quintessenz aus aktuellen Publikationen aus der Allgemeinmedizin kurz und knackig präsentiert. Außerdem haben die Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit, sich im Rahmen unserer Lehrarztschulungen für die Tätigkeit als Lehrärzte ausbilden zu lassen. Und nicht zu vergessen konnten wir einen hervorragenden Redner für die Key-Note gewinnen: Herr Majo aus Freiburg wird über „Vertrauen in der Medizin“ sprechen.
Zur Person: Prof. Dr. Bettina Engel
Prof. Dr. med. Bettina Engel gilt als äußerst versierte und hoch engagierte lehrende, die es versteht, die Studierenden für das Fach Allgemeinmedizin zu begeistern, Wissen mit neuen Lehr-und Lernformen zu vermitteln und ihr Interesse am eigenständigen Lernen zu fördern. Für ihr außergewöhnliches Engagement und die exzellente Qualität in der Lehre erhielt sie bereits mehrere Auszeichnungen - den Lehrpreis der Friedrich-AlexanderÂUniversität Erlangen-Nürnberg gleich zweimal.
Für die Didaktik hat sie sich schon früh entschieden. Neben ihrer Facharztausbildung in Allgemeinmedizin setzte sie ihren Schwerpunkt in der Aus- und Weiterbildung und absolvierte eine Ausbildung zur Mastertutorin in Bosten bei der Harvard Medical lnternationalAssociation. Seit Oktober 2021 ist Frau Dr. Engel am FAU-lnstitut für Allgemeinmedizin aktiv und gehört dem Leitungsteam des Lehrstuhls an.